{"id":468,"date":"2015-08-30T09:58:26","date_gmt":"2015-08-30T08:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/?page_id=468"},"modified":"2015-08-30T10:25:43","modified_gmt":"2015-08-30T09:25:43","slug":"ungarn-wird-umgebaut","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/?page_id=468","title":{"rendered":"Ungarn wird umgebaut"},"content":{"rendered":"<p><em>Reportage, Kupf-Zeitung Nr. 141, 2\/2012<\/em><\/p>\n<p>Wer zum ersten Mal mit der Bahn von Wien nach Budapest f\u00e4hrt, wird sich fragen, warum man die Stadt am Keleti P\u00e1lyarudvar erreicht, am Ostbahnhof, wo man doch eigentlich von Westen kommt. Dass der Nyugati P\u00e1lyarudvar, der Westbahnhof, im Nordosten der Stadt liegt und keine Anbindung Richtung Westen hat, ist ebenso verwunderlich wie der Umstand, dass der westlichste Bahnhof Budapests, Kelenf\u00f6ld, eine heruntergekommen Durchgangsstation ist.<\/p>\n<p>Als ich im Juni 2011 zum Vorstellungsgespr\u00e4ch hierher fuhr, sprang ich an eben dieser Station Kelenf\u00f6ld auf \u2013 Kelet&#8230; und Kelen&#8230; klang f\u00fcr mich noch sehr \u00e4hnlich \u2013 und stand, nachdem ich von drei Pendlern auf ungarisch beruhigt worden war, eine viertel Stunde am Gangfenster, w\u00e4hrend der Zug eine weite Schleife um die Stadt fuhr. Dann stieg ich am Keleti aus, versucht mich mithilfe meines Stadtf\u00fchrers zu orientieren und stellte fest, dass die Karte, obwohl erst vor kurzem aktualisiert, heillos veraltet war. Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze trugen neue Namen, auch Metro-Stationen hie\u00dfen anders. Wenn ich heute \u2013 im Februar 2012 \u2013 zum ersten Mal in die Stadt k\u00e4me, ich w\u00fcrde \u00e4hnliches erleben, diesmal mit Theaternamen und Lokalen, wie dem weithin bekannten G\u00f6d\u00f6r, einem alterantiven Musikclub, dessen R\u00e4umlichkeit den Betreibern vor kurzem entzogen wurde. Mitte Januar war der entsprechende Entschluss der Stadtverwaltung bekannt geworden, am 1. Februar existierte das Lokal schon nicht mehr. Nun findet man an der T\u00fcr den Aufkleber Nagy Magyarorsz\u00e1g. Die Stadt ist, wie das gesamte Land, in radikalem Umbau begriffen.<\/p>\n<p><strong>MENSCHEN UND IHRE SPRACHE<\/strong><br \/>\nAls Gastlektor der hiesigen Universit\u00e4t bin ich st\u00e4ndig mit dem Thema Fremdsprachenlernen konfrontiert, und es ist erst einmal nicht weiter erstaunlich, dass sich mit einer neuen Sprache auch ein neuer Kulturkreis er\u00f6ffnet. Das hat allerdings f\u00fcr eine Person, die einer Sprachgemeinschaft von weniger als 15 Millionen Sprechern weltweit angeh\u00f6rt, eine andere Bedeutung, als f\u00fcr eine Person, die Deutsch spricht (170 Mio) und zus\u00e4tzlich Englisch und Franz\u00f6sische gelernt hat. Wie sehr die Offenheit eines Landes mit der Mehrsprachigkeit seiner B\u00fcrger zusammenh\u00e4ngt, ist mir noch nie so deutlich worden wie hier. Dass Ungarisch nur in Ungarn gesprochen wird und mit den anderen mitteleurop\u00e4ischen Sprachen in keiner Weise verwandt ist, d\u00fcrfte ein nicht unwesentlicher Grund sein f\u00fcr die Sonderstellung dieses Landes in der Geschichte und heute: Die Mehrheit der Ungarn verf\u00fcgt \u00fcber keine oder sehr mangelhafte Fremdsprachenkenntnis, und somit verschlie\u00dfen sich ihnen die gesamt nicht-ungarische Welt.<\/p>\n<p>Die Anbindung nach West und Ost ist also nicht nur eine Frage des Bahnverkehrs. Es will mir so scheinen, als k\u00e4me das doch recht abgekapselte Dasein dieses Landes der derzeitigen ungarischen Regierung gar nicht ungelegen. In Zeiten der Krise, hei\u00dft es, m\u00fcsse das Nationalgef\u00fchl gest\u00e4rkt werden. Diese Schlussfolgerung wird auch in anderen L\u00e4ndern gezogen, freilich, aber in der Wahl der Ma\u00dfnahmen ist man in Ungarn denkbar unzimperlich: Gleichschaltung der Presse, Entmachtung von Verfassungsgerichtshof und Nationalbank, Abh\u00e4ngigmachen der Justiz. Der Versuch einer radikalen Re-Magyarisierung Ungarns ist allerorts sp\u00fcrbar, und dass derzeit auch der Vertrag von Trianon gezielt ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckgerufen wird, passt gut ins Bild. Durch diesen Friedensvertrag verlor Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg gro\u00dfe Landesteile und b\u00fc\u00dfte erheblich an Bedeutung ein. Der Aufkleber Nagy Magyarorzs\u00e1g \u2013 Gro\u00dfungarn \u2013 verleiht der mehr symbolischen als realen Forderung Ausdruck, die betreffenden Gebiete sollten dem Staatsgebiet wieder einverleibt werden. Das Nationale Glaubensbekenntnis \u2013 die Pr\u00e4ambel der neuen Verfassung, die am 01.01.2012 in Kraft trat \u2013 stellt nicht nur das Land auf eine neue Basis (als Grundlagen werden Gott, Stephanskrone, Christentum und Nationalstolz genannt), auch der Staatsname wurde ge\u00e4ndert: Kurzerhand nahm man der Republik Ungarn die Republik weg, das Land hei\u00dft seitdem schlichtweg Ungarn.<\/p>\n<p><strong>DIE MITVERANTWORTUNG<\/strong><br \/>\nDass die Ungarn ihr Land zur\u00fcckhaben wollten, lie\u00dfe sich sogar noch verstehen, wenn auch nur im \u00fcbertragenen Sinn. Wer sich in Budapest umsieht, st\u00f6\u00dft an allen Ecken auf \u00f6sterreichische und deutsche Unternehmen, vor allem auf Banken, Versicherungen, Supermarktketten usw., und als mir das ungeheure Ausma\u00df dieser Pr\u00e4senz bewusst wurde, erinnerte ich mich an die Angstmacherei rechter \u00f6sterreichischer Parteien, und ich dachte mir, dass sich eigentlich die L\u00e4nder des ehemaligen Ostblocks vor der Osterweiterung h\u00e4tten f\u00fcrchten m\u00fcssen, nicht die L\u00e4nder Mittel- und Westeuropas.<\/p>\n<p>\u00dcber die ungarische Politik und Wirtschaftslage klagen nun bezeichnender Weise aber inbesondere jene Unternehmen, deren Mitverantwortung an der unglaublichen Verschuldung des Landes (Stichwort Schweizer-Franken-Kredite), an der hohen Arbeitslosigkeit (ganze Industriegebiete wurden von westlichen Unternehmen gekauft, nur um sie zu schlie\u00dfen) und dem damit verbundenen Zulauf, den radikale Parteien verzeichnen, nicht geleugnet werden kann.<\/p>\n<p>Freilich regt sich dort und da Widerstand. Ebenso gibt es Opposition, vor allem zivile, aber sie z\u00f6gert, sich auch politisch zu formieren. Dass die ungarische Bev\u00f6lkerung der Politik Viktor Orb\u00e1ns so unkritisch gegen\u00fcberzustehen scheint, liegt dabei nicht nur an den mundtot gemachten Medien. Es liegt auch an der Angst vor diesem Regime und vielleicht am generellen Selbstverst\u00e4ndnis der Ungarn, die sich nicht sosehr als eigentlicher Souver\u00e4n ihres Staates zu verstehen scheinen, sondern vielmehr als Objekt einer intransparenten Politik.<\/p>\n<p>Eine meiner ungarischen Bekannten erkl\u00e4rte mir die Sache so: &#8222;Ich gehe davon aus, dass du keine Meinung zur Schwerkraft hast. Du nimmst sie hin, weil sie ein Naturgesetz ist. Die Schwerkraft gut oder schlecht zu finden, w\u00e4re sinnlos. Einen solchen Umgang lernte ich als junger Mensch in Bezug auf Politik. Diktatur lehrt ein Volk keine Meinung zu haben. Jetzt kehren wir schrittweise dorthin zur\u00fcck.&#8220;<\/p>\n<p><strong>HOFFEN AUF EINE NEUE GENERATION<\/strong><br \/>\nMein Unterricht an der Universit\u00e4t ist stark gepr\u00e4gt von der Arbeit an meinem aktuellen Dokumentarfilm freir\u00e4umen, der sich mit dem Bock Ma&#8217;s Festival und dem selbstbewussten gesellschaftspolitischen Engagement junger Menschen besch\u00e4ftigt. Das steht der aktuellen politischen Tendenz in Ungarn klar entgegen. Ich bemerke aber, dass viele meiner StudentInnen gro\u00dfe Neugier in Bezug auf Themen wie Selbstbestimmung, B\u00fcrgergesellschaft und ziviler Ungehorsam haben, wenngleich die Skepsis gegen\u00fcber pers\u00f6nlichem Engagement und offener Meinungs\u00e4u\u00dferung bestehen bleibt.<\/p>\n<p>Auch beim Budapester Community Radio Civil R\u00e1di\u00f3, wo ich eine deutschsprachige Sendung gestalte, ist man offen f\u00fcr kritische Haltung, praktiziert sie zum Teil sogar. Allerdings ringt der Sender, wie alle freien Medien Ungarns, ums \u00dcberleben, und da letzteres vom Wohlwollen der regierungsgesteuerten Medienaufsichtsbeh\u00f6rde abh\u00e4ngt, ist man mit kritischer Berichterstattung vorsichtig geworden.<\/p>\n<p>Wollte man es positiv betrachten, k\u00f6nnte man sagen: Es gibt nicht nur jenes Ungarn, das sich in alarmiernder Weise von der Demokratie entfernt, es gibt auch ein anderes Ungarn, das sich \u00fcber facebook organisiert, zehntausende Menschen gegen neue Gesetze auf die Stra\u00dfe bringt und sich mit vorsichtigem Interesse antireaktion\u00e4ren Ideen \u00f6ffnet. Realistisch betrachtet hat aber Viktor Orb\u00e1n seine Vision eines nationalistischen Ungarn und, vor allem, seine eigen Macht, auf Jahrzehnte hinaus in die Grundstrukturen des Staates einbetoniert. Und solange seine Koalition \u00fcber eine Zweidrittelmehrheit verf\u00fcgt, ist der Nationalisierung des Landes kaum etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>(Andreas Kurz)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reportage, Kupf-Zeitung Nr. 141, 2\/2012 Wer zum ersten Mal mit der Bahn von Wien nach Budapest f\u00e4hrt, wird sich fragen, warum man die Stadt am Keleti P\u00e1lyarudvar erreicht, am Ostbahnhof, wo man doch eigentlich von Westen kommt. Dass der Nyugati P\u00e1lyarudvar, der Westbahnhof, im Nordosten der Stadt liegt und keine Anbindung Richtung Westen hat, ist &hellip; <a href=\"http:\/\/www.andreaskurz.at\/?page_id=468\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ungarn wird umgebaut<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/468"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=468"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":481,"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/468\/revisions\/481"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}