{"id":477,"date":"2015-08-30T10:22:33","date_gmt":"2015-08-30T09:22:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/?page_id=477"},"modified":"2015-08-30T10:24:31","modified_gmt":"2015-08-30T09:24:31","slug":"shanghai-ist-keine-stadt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.andreaskurz.at\/?page_id=477","title":{"rendered":"Shanghai ist keine Stadt"},"content":{"rendered":"<p><em>Essay,\u00a0Kupf-Zeitung Nr. 148, 1\/2014<\/em><\/p>\n<p>Atemlos kam ich, nach meinem zweiten Arbeitstag, aus der U-Bahnstation Zhongshan Bei Lu. Schon beim Rolltreppefahren hatten mir Rauch und Kohlestaub die Luft genommen, nun stand ich, direkt am Ausgang, einer Verk\u00e4uferin gegen\u00fcber, die eine kleine Maronibraterei betrieb: Eine Halbschale voll schwarzer Steinchen, in denen, von einem Kohleofen unterfeuert, Kastanien r\u00f6steten. Ich beobachtete die Verk\u00e4uferin, wie sie Steinchen und Maronen mit einer langstieligen Kelle umwand, die verbrannten Maronen herausgriff und in einen Plastikk\u00fcbel warf. Der war schon zur H\u00e4lfte mit verkohltem Abfall gef\u00fcllt; die arme Frau schien mehr wegzuwerfen als zu verkaufen. Auch am n\u00e4chsten Tag stand sie da, schaufelte in ihrer Bratschale herum und schmiss verbrannte Kastanien weg. Ich kaufte ein Stanizel, es kostete acht Yuan. Am dritten Tag hatte sich ein weiterer Maronibrater danebengestellt, auch er machte kaum Gesch\u00e4ft, \u00fcbers Wochenende kam ein dritter hinzu, und bald waren sie zu f\u00fcnft. Ich ging t\u00e4glich an ihnen vorbei, sah, dass sich mehr und mehr Kunden fanden, kaufte nochmals eine Portion, diesmal kostete sie sechs Yuan, Konkurrenz dr\u00fcckt eben auf den Preis. Die K\u00e4ufer wurden zahlreicher, ebenso aber die Verk\u00e4ufer, bald gab es W\u00fcrstchengriller, Nudelkocher, Spie\u00dfchenbrater, die Maronen kosteten nur noch drei Yuan, und in meinem Stanizel fanden sich nun auch die verkohlten. So ging es weiter, ein kleiner Markt entstand und ruinierte sich umgehend selbst, denn je st\u00e4rker ein bestimmtes Produkt vertreten war, desto mehr Verk\u00e4ufer versuchten ihr Gl\u00fcck mit genau derselben Ware. Da fielen zuerst die Preise, dann die Qualit\u00e4t und das so lang, bis sich die Verk\u00e4ufer das Verkaufen nicht mehr leisten konnten. Als meine dritte Arbeitswoche begann, waren sie alle weg, auch der Rauch war fort und der Vorplatz leer.<\/p>\n<p>Die Maronibrater-Episode war einer meiner ersten Eindr\u00fccke von Shanghai und schien das Klischee von der Imitationskultur Chinas zu best\u00e4tigen: Wo viele Leute sind, muss es gut sein, sonst w\u00e4ren dort nicht so viele Leute; was viele Leute tun und haben, muss richtig sein, sonst t\u00e4ten und h\u00e4tten es nicht so viele.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass die St\u00e4dte Chinas in unkontrollierbarem Ausma\u00df wachsen und heute niemand sagen kann, wie hoch beispielsweise die Einwohnerzahl Shanghais tats\u00e4chlich ist. Offiziell spricht man von 23 Millionen Menschen, Sch\u00e4tzungen aber belaufen sich, Wander- und Saisonarbeiter mit eingerechnet, auf 25, manche auf 30 Millionen. Europ\u00e4ische Wirtschaftsberater empfehlen ihren Klienten l\u00e4ngst von Shanghai abzusehen und Firmenniederlassungen besser in Shenzhen, Guangzhou oder Chongqing anzusiedeln \u2013 Agglomerationen, die auch schon 13, 16 und 28 Millionen Einwohner haben, in denen der Zyklus von Zuwachs, Konkurrenzdruck und Absterben aber erst beim dritten Maronibrater angelangt zu sein scheint.<\/p>\n<p><strong>\u00dcBER CHINA<\/strong><br \/>\nMan sollte jedem, der etwas \u00fcber China erkl\u00e4rt, misstrauen. Auch mir. Was ich zu Shanghai \u00e4u\u00dfern kann, sind Vermutungen. Was ich \u00fcber China sage, ist Phantasie. Und ich befinde mich damit in bester Gesellschaft, oder in schlechtester, jedenfalls aber in gr\u00f6\u00dfter. Kaum jemand wei\u00df wirklich etwas \u00fcber dieses Land, das als solches \u00fcberhaupt nicht erfasst werden kann und dessen Gesellschaft keine ist. Die Bev\u00f6lkerung wird durch ein gemeinsames Territorialgebiet zusammengehalten, durch eine gemeinsame W\u00e4hrung und \u2013 bedingt \u2013 durch Regierungsgewalt, durch sonst nichts. Es gibt die Familie und den engsten Freundeskreis, dar\u00fcber hinaus f\u00fchlt sich \u201eder Chinese\u201c f\u00fcr niemanden verantwortlich. Es gibt die Uiguren im Westen, turkst\u00e4mmige Muslime, die Mandarin (Hochchinesisch) nicht beherrschen und arabische Schrift verwenden. Es gibt die Mongolen im Norden und die Tibeter im S\u00fcden, insgesamt besteht die Bev\u00f6lkerung Chinas aus 90 verschiedenen ethnischen Gruppen. In China ist alles anders als in Europa, habe ich oft sagen h\u00f6ren. Aber ich glaube, in China ist auch immer alles anders als in China.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df die innere Heterogenit\u00e4t des Landes auch sein mag, sie ist harmlos im Vergleich zur Tranchierung von au\u00dfen. Wenn wir Europ\u00e4er von China sprechen, meinen wir den \u00e4u\u00dferst \u00f6stlichen Landesteil und damit kaum zwanzig Prozent des Staates. Wenn in Wien, Berlin oder sonstwo f\u00fcr die Freiheit Tibets protestiert wird, d\u00fcrfte wenigen Demonstrierenden bewusst sein, dass das Tibetische Hochland ein Drittel Chinas ausmacht, alle gro\u00dfen Fl\u00fcsse dort entspringen und eine Freigabe dieses gewaltigen Landstrichs den Ruin des Landes bedeuten w\u00fcrde. Und wenn man mit Politikern (Hobby- oder Berufs-) \u00fcber China spricht, begegnet man \u00fcberhaupt den allerabenteuerlichsten Phantasien und Argumenten, die schon auf den zweiten Blick nichts mehr mit China und seiner Politik zu tun haben.<\/p>\n<p>Seit Franz Grillparzer 1839 seinen satirischen Bericht \u201eNeueste Nachrichten aus Cochin-China\u201c geschrieben hat (in dem es eigentlich um die \u00f6sterreich-ungarische Verwaltung geht), seit Franz Kafka seine China-Texte verfasste, seit Hermann Knackfu\u00df sein Lithografie \u201eV\u00f6lker Europas, wahrt eure heiligsten G\u00fcter\u201c vollendete (besser bekannt als \u201eDie gelbe Gefahr\u201c), hat sich, wie mir scheint, nicht allzu viel am europ\u00e4ischen Umgang mit China ver\u00e4ndert. Europ\u00e4isches und amerikanisches Wirtschaften in China basiert auf uralten Macht-, Eroberungs- und Reichtumsphantasien, und wenn dar\u00fcber gesprochen wird, dass China den Westen bald \u00fcberholen k\u00f6nnte, m\u00fcsste man eigentlich sagen, dass sich der Westen in China bald selbst \u00fcberholt. Auch der Protest europ\u00e4ischer Liberaler ist eine Art Exterritorialisierung, im Zuge derer China als Theaterb\u00fchne verwendet wird, um eigene St\u00fccke zu spielen, und ich habe den Eindruck, es geht praktisch nie um Tibet, oder um Menschenrechte, sondern um das diffuse Gef\u00fchl des eigenen Benachteiligt- und Unterdr\u00fccktwerdens, nur dass f\u00fcr andere, 11.000 km entfernte zu sprechen einfacher und konsequenzloser ist, als f\u00fcr sich selbst. China war und ist eine Projektionsfl\u00e4che eigener Hoffnungen und \u00c4ngste und eine Metapher f\u00fcr das Fremde, Mystische, Geheimnisvolle.<\/p>\n<p><strong>WESTLICHE BILDER<\/strong><br \/>\nGeheimnisvoll ist es ja auch zweifellos, wenn man fr\u00fchmorgens oder sp\u00e4tabends in Shanghai unterwegs ist und auf Pl\u00e4tzen, Gehsteigen oder in kleinen Parks all die Baumstreichler, R\u00fcckw\u00e4rtsgeher und Schriftzeichenschreiber sieht, die Qi-Gong-, Tai-Chi- oder Schwertkampf-Meditierer und die vielen Frauengruppen, die in strenger Quadratformation zu Britney Spears oder Beyonc\u00e9 gymnastikartige T\u00e4nze auff\u00fchren. Geheimnisvoll auch die Ordnung im chaotischen Stra\u00dfenverkehr, fremd die N\u00e4he zum Boden, auf dem gehockt, gearbeitet, gespielt, telefoniert, Geld gez\u00e4hlt wird, fremd und gro\u00dfartig vor allem das Essen, unbekannt die H\u00e4lfte des Gem\u00fcses am Markt, der Reichtum an Zubereitungsarten und Geschm\u00e4ckern, befremdlich die v\u00f6llige Respektlosigkeit vor Menschen aus niedrigerem sozialen Stand, die Geringsch\u00e4tzung von Untergebenen, Tieren und \u2013 sowieso \u2013 von Gegenst\u00e4nden: Wartung oder Instandhaltung gibt es nicht. Einem Europ\u00e4er kommen hier die Ma\u00dfst\u00e4be abhanden und schnell ist man mit Urteilen und Kategorisierungen zur Hand, auch aus der Notwendigkeit heraus, sich zu alldem irgendwie ins Verh\u00e4ltnis zu setzen.<\/p>\n<p>Eines der ersten Urteile, die ich \u00fcber meine neue Arbeitsumgebung gef\u00e4llt habe, war: Shanghai ist keine Stadt. Denn f\u00fcr mich definiert sich eine Stadt, gut alt europ\u00e4isch, \u00fcber Begriffe wie B\u00fcrgertum, Intellektualit\u00e4t, Handel oder Geschichte. Shanghai aber \u2013 haupts\u00e4chlich bev\u00f6lkert von migrierten Bauern, einfachen Handwerkern, Wanderarbeitern und Analphabeten, dominiert von Schnellreichgewordenen, erbaut in kostenreduzierten Gewaltakten \u2013 handelt nicht, sondern rafft, pulsiert nicht, sondern wird von au\u00dfen zwangsstimuliert, und ein Shanghaier B\u00fcrgertum ist, auch aus geschichtlichen Gr\u00fcnden, inexisten. Ich bekomme diese Stadt nicht anders zu fassen als durch Bilder und Vergleiche, beispielsweise durch die Vorstellung, man habe hier dreieinhalbtausend Mal meinen Heimatort Attnang-Puchheim \u00fcbereinander gestapelt: Auch daraus w\u00fcrde noch lang keine Stadt resultieren, wohl aber hochverdichtetes Nebeneinander ausgemachter Nichtst\u00e4dter, ein behelfsm\u00e4\u00dfiges Sich-Organiseren und ein Irgendwie-Zurechtkommen ohne kulturelle Eigenst\u00e4ndigkeit, ohne Intellekt, ohne Gewachsenheit; die kleinst\u00e4dtische Gem\u00e4chlichkeit Attnang-Puchheims w\u00e4re dahin, ein st\u00e4dtisches Leben, wie man es aus London, Berlin oder Paris kennt, trotzdem unm\u00f6glich. Und obwohl dieses Bild v\u00f6llig schief, weil v\u00f6llig europ\u00e4isch ist, bin ich \u00fcberzeugt, dass es nicht schiefer und europ\u00e4ischer sein kann andere Erkl\u00e4rungsmodelle, die man gemeinhin zu China pr\u00e4sentiert bekommt.<\/p>\n<p>(Andreas Kurz)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essay,\u00a0Kupf-Zeitung Nr. 148, 1\/2014 Atemlos kam ich, nach meinem zweiten Arbeitstag, aus der U-Bahnstation Zhongshan Bei Lu. 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